ownsx // folge 4

Eigentlich, dachte ich gerade, könnte ich locker den ganzen Newsletter mit Beiträgen der vergangenen viereinhalb Tage füllen, seit FDP-Landeschef Thomas Kemmerich am Mittwoch um 13:30 Uhr im Thüringer Parlament sagte: “Ich nehme die Wahl an”.

Bei genauerem Hinschauen bleibt aber gar nicht so viel. Denn, ganz ehrlich: Es scheint so, als ob die Bundesparteien (und gespiegelt: die Debatten in den Medien) gerade erst anfangen zu verstehen, dass ihr Blick auf die Bedeutung der Linken in ostdeutschen Ländern westdeutsch geprägt ist. Indiz: Bei einer Direktwahl hätten 60 Prozent der Thüringer:innen noch vor zwei Wochen Ramelow gewählt.

Unten kommt noch ein bisschen mehr direkt zum Thema, hier nur mal zum Aufwärmen das Balkendiagramm von Statista:


Hier noch mal fix zwei Sätze zur Erklärung:
Der Newsletter von ostwestnordsuedx zieht alle zwei Wochen einen Strich – und packt Beiträge rund um Ost/West zusammen, die in den +/-14 Tagen zuvor aufgefallen sind. Damit sich nicht alles versendet. Als eine Art temporäres Archiv.

Sukzessive gibt es hier auch alles zur entstehendenen Arbeitsplatztauschplattform für Journalist:innen ostwestnordsuedx.de. (Was das ist? Womit alles anfing? Wer dahinter steckt? Steht hier und hier und hier. ) Aktueller Stand der Dinge: Start ist im ersten Quartal 2020.


Und jetzt aus den Kategorien Lesen // Sehen // Hören // Machen.
Viel Lesen, weniger Machen diesmal.

Los geht’s:


// Lesen

Interview mit Gero Neugebauer: “Das ist ein innerparteilicher Ost-West-Konflikt”, Berliner Zeitung

– Der Parteienforscher meint damit die CDU – und zielt unter anderem mittenmang in den ewig zitierten Begriff der “SED-Nachfolgepartei”. Das ganze Interview (von Tanja Brandes) steht hier, hier mal die Passage über das “SED”-Problem: Mit der Forderung, Linken-Bündnisse zu akzeptieren,

… träte die CDU von ihrer Forderung zurück, dass sie die Linke erst dann akzeptiert, wenn diese sich bei den Opfern der SED-Herrschaft entschuldigt. Auch, wenn es sich gar nicht mehr um die gleiche Partei handelt.

Und bei dieser Gelegenheit, hier noch mal fix die Statistik von oben und die 30 Minuten “Warum der Westen den Osten nicht verstanden hat” von Hans von Trotha (DLF-Kultur, 11/2019).


Kommentar von Sabine Rennefanz: “Wir brauchen ein Demografie-Ministerium für Ostdeutschland”, Berliner Zeitung

– Nachdem der Ostbeauftragte Christian Hirte gefeuert wurde, schlägt Rennefanz was Größeres vor – zwar wünscht sie sich das neue Ressort explizit für alle benachteiligten Regionen, die Krise sei im Osten aber eben deutlicher spürbar. Und auch sie sagt:

“Der ganze politische Schlamassel […] bietet endlich die Chance, das Verhältnis der Bundesregierung zu Ostdeutschland neu zu gestalten.”


Also Frage in die Runde: Extra-Ministerium? Ostbeauftragte:r?

– Gabor Halasz vom ARD-Hauptstadtstudio meint: nix davon; Jana Hensel wünscht sich auch ein Ministerium:





Eine Liste von Jana Hensel: “Fünf Lehren aus Thüringen”, Zeit Online

– Auch Hensel arbeitet heraus, wie überfällig es ist, zu verstehen “es funktioniert nicht mehr”, wir müssten uns “radikal” ändern.

”[Die Parteispitzen] müssten mit allen Mitteln verhindern, dass die ostdeutschen Landesverbände zu nur noch geduldeten, nicht mehr ernst genommenen und damit letztlich isolierten Gruppierungen innerhalb der Parteien werden. Im Gegenteil gilt: Holt den Osten zu euch zurück, erklärt ihn zur Chefsache.”


Studie: Demokratiezufriedenheit in D, Konrad-Adenauer-Stiftung

– Ist schon ein irres Timing, dass ausgerechnet die CDU-nahe KAS-Stiftung an Tag 2 nach der Thüringen-Wahl eine Studie veröffentlicht über das Vertrauen der Deutschen in die Demokratie. Grob zusammengefasst: könnte besser sein.
Es geht aber um mehr, auch um die angrenzenden Aspekte – die Studie heißt Regionale Vielfalten 30 Jahre nach der Wiedervereinigung und zeigt auch, wie zufrieden die Menschen mit der Wirtschaft sind, wo rechtspopulistisch eingestellte Menschen leben, wie sicher sie sich in ihrer Wohngegend fühlen.

Hier ein kleiner Rundumblick; interessant auch der Tenor der Schlagzeilen:

Studien-Überblick: ”Regionale Vielfalten 30 Jahre nach der Wiedervereinigung
Die ganze Studie: PDF zum Runterladen
Bericht beim Spiegel: “Ostdeutsche weniger zufrieden mit Demokratie
Bericht bei der Welt: “Unzufriedenheit mit Demokratie in MV am größten
Bericht in der Zeit: “Demokratiezufriedenheit in Ost und West unterschiedlich
Bericht in der MAZ: “Ost und West weiter unterschiedlich zufrieden mit Demokratie


Interview mit Reiner Haseloff: “Wie stabil ist unsere Demokratie?“, Die Zeit

– Kurz zum Mitschreiben: Das Interview, das Martin Machowecz führte, ist bereits Ende Januar erschienen, geradezu prophetisch von heute aus betrachtet. Teaser: “Viele Ostdeutsche stellten das System infrage, sagt Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff. Ein Gespräch über Wut, den Westen und AfD-Sympathien in der CDU.”


Antisemitismus in der DDR – Berliner Zeitung, Tagesspiegel, RND, Arte, RBB

– Zum 27.1., dem Tag, an dem Ausschwitz befreit wurde, erschien eine ganze Reihe an Beiträgen, die analysierten, wie der Nationalsozialismus in der DDR aufgearbeitet wurde.
Hier ausnahmsweise thematisch gebündelt, inkl. Filme:
Berliner Zeitung: “Eine neue Art von Judenhass
Tagesspiegel: “In der Aufarbeitung von Auschwitz sind Ost und West gespalten
RND: “Ausschwitz war in der DDR erst spät ein Thema
Arte: “Geschichte einer Versöhnung” (30 Min.)
RBB: “Schalom Neues Deutschland” (45 Min.)


Interview mit Daniel Kubiak: “Wir sollten unsere Vielfalt feiern”, enorm

– Mal wieder ein Interview mit dem Soziologen Daniel Kubiak von der HU-Berlin, der schon im vergangenen Jahr immer wieder geholfen hat, Framings zu entlarven – diesmal im Magazin “enorm”. Das Beispiel hier zeigt den Blickwechsel:

“Man kann also sagen: Der Osten hinkt hinterher. Man kann aber auch sagen: Der Osten ist sehr erfolgreich. Denn das Wirtschaftsniveau ist im Osten seit 1990 von 43 Prozent auf 75 Prozent angestiegen.”




Interview mit Sergej Lochthofen: “Entscheidend war die Nähe zum Leser”, p&k

– Der Ex-Chefredakteur der “Thüringer Allgemeinen” erzählt in der Monatszeitung des Deutschen Kulturrats vom Umbau der SED-Zeitung “Das Volk” zur TA, über die Abkoppelung von der Partei und den Westverlagen, die Konkurrenzblätter hochzogen. Über die ostdeutsche Medienlandschaft gibt’s in p&k eine ganze Doppelseite (!)das komplette PDF hier (vorspulen zu S. 30/31).


Analyse: “Tumult im Gesinnungskorridor”, Die Zeit

– Verschwörungstheorien müssen entlarvt werden – hier mal wieder eine mit “Turm”-Autor Uwe Tellkamp mittendrin.



Interview mit Flake: “Die Wiedervereinigung war eine Sauerei”, Der Standard

– Das Zitat des Rammstein-”Tastenfickers” ging ja ein bisschen rum mit Erscheinen, wer das ganze Interview mit ihm lesen will, kann das hier tun.

Rückblick: “Expressfrühstück in der Todeszone”, Spiegel

– Was in der Schlagzeile ein bisschen krass angeteaserst wird, war gar kein Actionfilm. Sondern vor genau 30 Jahren ein Stück deutsch-deutscher Fluggeschichte: der erste Direktflug von West nach Ost, von München nach Dresden, Ende Januar 1990. Das Flugzeug war die Boeing “Reutlingen” – un-actionfilmiger geht’s auch kaum.

Fiktion: Daniela Kriens “Muldental

– Obacht, nur eine Vorankündigung, Kriens neuer Erzählband erscheint erst am 26.2. (Diogenes, 240 Seiten, 22 Euro): zehn Geschichten über “die Entwurzelung und die Ratlosigkeit der Nachwendezeit”. Ihr Roman “Die Liebe im Ernstfall” war ein Bestseller – und wer was zum Überbrücken braucht bis Ende Februar: Es gibt eine 25-seitige Leseprobe!



// Sehen

TV-Doku: “Die sowjetische Hauptverwaltung der Lager”, Arte

– Der Kinofilm “Und der Zukunft zugewandt” aus dem Herbst führte auch vor, wie wenig über die Geschichte der Gulags bekannt ist. Darum hier der Hinweis auf einen Dreiteiler auf Arte, morgen, 11.2. ab 20:15 Uhr im TV, schon jetzt in der Mediathek (bis 10.4.):


Instagram: “wende_rewind”, RBB

– Noch bis zum 18. März erzählen die Kolleg:innen vom RBB auf dem Instagram-Kanal “wende_rewind” über die DDR und die friedliche Revolution, die die DDR-Bürger:innen möglich gemacht haben. Historisches, Alltag, alles:


Kinodoku: “Wildes Herz”, NDR

– “Das ist ein Heimatfilm”, erklärte Schauspieler Charly Hübner (in der Zeit), der diesen Film über die Band “Feine Sahne Fischfilet” drehte – der Film ist zwar schon zwei Jahre alt, aber der NDR hat ihn gerade in voller Länge online gestellt:


// Hören

“War schön jewesen: Kinderschallplatten” (RadioEins, 2:30 Minuten)

– Lea Streisand erzählte neulich in ihrer RadioEins-Kolumne von Berliner Kita-Liedgut und dann von Peter Braschs Anti-Märchen “Der Wolf und Rotkäppchen in der Stadt”.

Nach Streisands Alltagsrunde am besten gleich das Original anhören:

… ist zwar nix zum Hören, aber genau dazu passt der Tweet von Kollegin Doreen Reinhard, anlässlich der Nachrufe auf die westdeutsche Jugendbuchautorin Gudrun Pausewang. In diesem Sinne: Journalist:innen sollten sich bitte endlich gewahr sein, von welchem "wir" aus sie sprechen, wenn sie (Gesamt-)"Deutschland" sagen, aber "Westdeutschland" meinen – und sich ansonsten fortbilden, Horizonterweiterung und so.


"CDU soll ostdeutsche GroKo wagen” (DLF-Kultur, 8 Minuten)

– Noch mal Thüringen: Die alten Ost-West-Schablonen taugten für die Situation nicht, sagte Josa Mania-Schlegel im DLF-Kultur-Interview zu Johannes Nichelmann: Einer der wenigen Beiträge, die ganz direkt analysierten, inwiefern die von CDU und FDP bundesparteilich propagierte Äquidistanz zur Linken und der AfD für ostdeutsche Parteiempfindungen nicht unbedingt passt.




// Machen

Förderung beantragen: bei der Bundesstiftung Aufarbeitung

– Die BA hat einige Sonderförderprogramme gestartet für 2019-21. Hier alles zu den Antragsfristen, den inhaltlichen Schwerpunkten etc. Nächster Stichtag: 2. März 2020, also los!



// Und der Rausschmeißer

Das Westpaket-Parfum

– Am Samstag habe ich endlich “Der Duft des Westpakets” (Trailer: hier) im Kino gesehen: was für eine anrührende, großartige Doku. Das Beste: Sekunden vor Ende der Vorstellung sprühte die Regisseurin Brit-J. Grundel das Parfum “Der Duft des Westpakets” durch die Reihen. Ich kann’s ja nu nicht beurteilen, aber: Was für ein Moment – und alle begannen zu erzählen. Kann man kaufen für 19,89 Euro. Kreiert vom Dresdner Parfümeur Herrich extra für den Film (er hat sicher noch Flakons; auch “Intershop”-Duft). Deswegen: anschauen und vor allem RIECHEN! Hier gibt es Termine bis in den März – und im Berliner Lichtblick-Kino, so der Plan, wird er einmal im Monat laufen.

P.S.: Die Konkurrenz.
P.P.S.: In dem Zusammenhang entdeckt: super RBB-Serie “Berlin, du bist dufte” – über Düfte, die es nicht mehr gibt”


So. Hamwa was vergessen? Soll was Bestimmtes mit rein?
Dann los: mail @ ostwestnordsuedx.de

Folge 5 des Newsletters kommt in zwei Wochen – bis dahin fröhliche Tage.

Wer sich in unsere Newsletterliste eintragen will, bittschön, das geht hier:

… und natürlich gerne weitererzählen, danke!

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